Brustkrebs und Breithorn - Engagement bis auf die Spitze.
19.03.2019

Brustkrebs und Breithorn - Engagement bis auf die Spitze.

Gut gelaunt, top gestylt und vor allem mit einer Extraportion Motivation und Wissen empfängt uns Prof. Bettina Borisch in ihrem Büro auf dem modernen Biotech-Campus der Universität Genf. Über zehn Jahre lang hat sie das Institut für klinische Pathologie geleitet. Der stetige Begleiter ihrer beeindruckenden und facettenreichen Karriere? «Ich habe Krebs sozusagen unter dem Mikroskop kennengelernt», beginnt sie zu erzählen. Im Rahmen ihrer Arbeit als Pathologin und später in Zusammenarbeit mit der Schweizer Krebsliga entdeckte sie dann ihre Leidenschaft für den Public Health-Bereich. Kurzerhand wurde sie Präsidentin des Früherkennungsprogramms «Brustkrebs» der Schweizer Krebsliga. «Zugegeben – ich stellte damals fest, dass meine Kenntnisse seit dem Medizinstudium und durch die Jahre in der Pathologie im Bereich Public Health ein bisschen verblasst waren», erinnert sie sich. Deshalb bildete sie sich berufsbegleitend mit einem Master in Public Health weiter. Seit 2005 konnte sie ihre Professur an der Universität Genf auf Public Health ummünzen und ist heute am «Institut for Gloabl Health» tätig. Aber was versteht man eigentlich genau unter Public Health? Prof. Borisch erklärt es so:

«Public Health ist die Wissenschaft und die Kunst davon, allen Menschen ein Leben in Gesundheit und Frieden zu ermöglichen.»

Für dieses Ziel arbeitet sie hart: «Ich habe gemerkt, dass ich in meinem kurzen Leben im Public Health-Bereich – also besonders in der Früherkennung und der Vorsorge – einfach mehr erreichen kann, als am Ende der Kette in der Diagnostik.»

 

Facettenreiches Krebswissen

Die Erfahrungen aus der Pathologie und der Diagnostik will sie trotzdem nicht missen. Sie sind Grundlage für die zahlreichen Tätigkeiten von Prof. Borisch im Bereich Brustkrebs, die so vielseitig sind, wie der Krebs selbst. So setzt sie sich auch auf europäischer Ebene in wichtigen Arbeitsgruppen für das Thema Brustkrebs ein und engagiert sich aktiv für verschiedene Patientenorganisationen, wie zum Beispiel das Forum Europa Donna Schweiz, das sie selbst gegründet hat. Die Organisation setzt sich aus Brustkrebsbetroffenen, Ärztinnen, Politikerinnen und weiteren Persönlichkeiten zusammen und hat das Ziel, allen Frauen in der Schweiz Zugang zu optimaler Früherkennung, Behandlung und Nachsorge bei Brustkrebs zu ermöglichen.

 

 

Brennende Themen

Laut Prof. Borisch befinden sich Gesundheitssysteme überall auf der Welt in einem grossen Wandel. «Dies, weil wir neue technische Möglichkeiten, die sich zum Beispiel aus der Forschung ergeben, mit einem sozial verträglichen System in Einklang bringen müssen», erklärt sie. Wie dringend diese Veränderungen sind, zeigen beispielsweise die Demonstrationen in Genf gegen die Erhöhung der Krankenkassenprämien. «Das ist Politik vom Feinsten», so Borisch, gehe es doch um Verteilungsgerechtigkeit und Ungleichheiten. Das zeigt: Das Thema Gesundheit ist in den Köpfen angekommen und mache sich nicht zuletzt an der gewandelten Rolle des Patienten bemerkbar. Der Patient von heute ist nicht mehr «patient», sondern selbst aktiv und informiert. Zusätzlich hat er durch verschiedene Abkommen mit der EU die Möglichkeit, sich in anderen EU-Ländern behandeln zu lassen.

«Wir leben in einer Welt, in der nicht nur Forscher international unterwegs sind, sondern auch Patienten.»

«Es gibt keinen Schweizer Brustkrebs»

Die Beziehung Schweiz – Europa und besonders das Forschungsabkommen sei dabei nicht nur für Patienten zentral. «Es ist für uns extrem wichtig, in einem grossen, internationalen Forschungsnetzwerk zu bleiben», erzählt sie. «Die Vorteile des Austauschs für Forschende und Studierende sind enorm.» Auch Kooperationen wie Horizon2020 treiben die Krebsforschung voran und stärken langfristig den Forschungsstandort Schweiz. Brustkrebs ist ein weltweites Problem und muss gemeinsam angegangen werden. «Ich denke, dass der gesamte Gesundheitsbereich von Forschung bis Pflege und Therapie leidet, wenn man beginnt Mauern zu bauen», so Borisch. «Wir wissen aus der Geschichte, dass Mauern gegen Krankheiten nicht helfen.»

Wenn politische Rahmenbedingungen instabil werden, wandern Fachkräfte ab.

Am Beispiel Grossbritannien und dem Brexit ist dies bereits jetzt zu beobachten. «Soweit dürfen wir es in der Schweiz nicht kommen lassen.»

 

Seilschaft der Solidarität

«2008 habe ich mit einigen Freunden, viel Hilfe und tollen Sponsoren die Seilschaft der Solidarität für Brustkrebspatientinnen ins Leben gerufen», erzählt Prof. Borisch und verknüpfte so zwei ihrer grössten Passionen miteinander: Engagement in Sachen Brustkrebs und die Berge. «Von Anfang an hat mir die Symbolik der Seilschaft in Bezug auf eine Krebserkrankung gut gefallen», erinnert sie sich. Symbolisch für die individuelle und gesellschaftliche Solidarität bestiegen rund 100 Frauen aus 18 Ländern das Breithorn in Zermatt. «Wer das erste Mal mit einer Seilschaft einen hohen Berg besteigt, hat keine Ahnung, was ihm bevorsteht. Man weiss nur, dass es schwer wird, dass man gerne einen guten Führer an seiner Seite hat und Menschen, die einen begleiten», so Borisch. «Genauso ist es bei Krebs. Wenn man den Aufstieg geschafft hat, wirken die Kleinigkeiten im Tal auf einmal nicht mehr so wichtig – man betrachtet sie mit einer gewissen Distanz.» Am Abend des Bergaufstiegs fand ein Tischgespräch mit Ärzten, Politikern und Patientinnen statt, um beispielsweise über die Wiedereingliederung in den beruflichen Alltag nach der Krebstherapie oder Stigmatisierungen des Brustkrebses zu sprechen. Denn längst nicht in allen Teilen der Schweiz – geschweige denn Europas – wird dieses Thema offen besprochen.

 

Ungleichheiten konfrontieren

Prof. Borisch sieht besonders auch in ihrer Funktion als CEO der Dachorganisation aller Public Health-Vereinigungen weltweit, dass Krebs ausserhalb unserer kleinen europäischen Welt noch ein viel grösseres Problem ist: Ganze 60 Prozent aller Neudiagnosen kommen aus Ländern ausserhalb der EU und können vielerorts nicht so behandelt werden wie hier. «Komischerweise hat man das Gefühl, dass Krebs eine Erkrankung der reichen Industrienationen ist. Das stimmt nicht.» Krebs habe man sogar schon in alten ägyptischen Mumien nachgewiesen, so Borisch. Mindestens genauso schlimm sind die Ungleichheiten im Wissenszugang oder auch im finanziellen Zugang, die direkt bei uns vor der Tür stattfinden. «Es sind vor allem die Ungleichheiten innerhalb von Ländern, um die wir uns kümmern müssen. Man kann in jedem Land Gegenden finden, in denen die gesundheitliche Situation so ist wie in einem Entwicklungsland. Hier muss man ansetzen.» Apropos Ungleichheit: Auch in Sachen Gender-Medizin sei man in der Schweiz «ein bisschen mittelalterlich», so Borisch. Nur ein Beispiel: Seit einigen Jahren können Mädchen sich gegen eine Form des Gebärmutterhalskrebses impfen lassen, der durch das HPV-Virus übertragen wird. Wer dieses Virus durch Geschlechtsverkehr überträgt? Jungen! Dass diese aber, wie in Skandinavien ebenfalls geimpft werden, sei bisher noch kein Thema. Wir merken – Prof. Borisch kratzt hier an der Oberfläche eines emotionalen Themas, mit dem Seiten gefüllt werden könnten.

In welchem Bereich sehen Sie die grösste Herausforderung für die Zukunft?