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Drei Fragen an...

Dr. René Buholzer - Geschäftsführer Interpharma
29.04.2018

Dr. René Buholzer - Geschäftsführer Interpharma

Herr Buholzer, eine neue Umfrage von gfs.bern im Auftrag von Interpharma zeigt, dass die bilateralen Verträge mit der EU in der Stimmbevölkerung weitgehend unbestritten sind. Allerdings zeigt die gleiche Umfrage auch, dass nur eine Minderheit der Befragten sagen kann, was von den Bilateralen überhaupt geregelt wird. Haben Interpharma und andere Wirtschaftsverbände ihre Hausaufgaben nicht gemacht?

Wir arbeiten seit mehreren Jahren mit öffentlichen Veranstaltungen und Publikationen intensiv daran, aufzuzeigen, was die Bilateralen genau regeln und warum sie für die Schweizer Wirtschaft im Allgemeinen und für die Pharmaindustrie als wichtigster Exportbranche im Speziellen wichtig sind. Auch wenn in der Umfrage viele spontan keinen konkreten Vertrag nennen konnten, so ist der grossen Mehrheit aber erfreulicherweise die Bedeutung für die Wirtschaft durchaus bewusst: 87% sagen, dass die Bilateralen den Zugang zum wichtigsten Exportmarkt, eben der EU, sichern. Damit nehmen sie implizit Bezug auf den Vertrag zum Abbau technischer Handelshemmnissen der Bilateralen I, dank dem wir heute ohne grosse Hürden in die EU exportieren können.

 

Ist das überhaupt noch wichtig? In der Schweiz wird ja primär geforscht und nicht mehr produziert.

In der Tat investiert die Schweizer Pharmaindustrie mit jährlich 7 Mrd. CHF fast doppelt so viel in Forschung und Entwicklung, wie sie in der Schweiz Umsatz erzielt. Aber es wird auch sehr viel produziert, und zwar immer mehr: Letztes Jahr wurden so viele Medikamente aus der Schweiz exportiert wie noch nie. Es produzieren hier heute auch immer mehr Firmen, die ihren Hauptsitz nicht in der Schweiz haben, sondern etwa in Belgien oder den USA. Das ist unter anderem deshalb möglich, weil es für den Export in die EU-Staaten dank den Bilateralen und dem Abbau von Handelshürden keine Rolle mehr spielt, ob man in der EU oder in der Schweiz produziert. Hätten wir die Bilateralen nicht mehr, wäre der Export schwieriger und die Schweiz wäre als Produktionsstandort weniger attraktiv. Insofern ist es erfreulich, dass den Stimmberechtigten bewusst ist, dass der einfache Marktzugang zur EU an den Bilateralen hängt und dass dies für den Wohlstand in der Schweiz wichtig ist.

 

Wichtig scheint die Bevölkerung gemäss Umfrage auch die Personenfreizügigkeit einzuschätzen. Wie wichtig ist sie für die Pharmabranche?

Sie ist sehr wichtig. Die Pharmaindustrie beschäftigt überproportional viele hoch qualifizierte Fachkräfte im Vergleich zur Gesamtwirtschaft. Von gewissen Fachkräften gibt es in der Schweiz schlicht zu wenige. Folglich können mit der Personenfreizügigkeit Lücken geschlossen werden. Dies anerkennt auch die Bevölkerung: 67% der Stimmberechtigten geben in der Umfrage an, dass die Schweiz auf Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen ist. Und über 60% wollen die im Januar lancierte Volksinitiative zur Kündigung der Personenfreizügigkeit ablehnen. Das ist erfreulich, denn sie würde nicht nur die Personenfreizügigkeit kappen, sondern wegen der «Guillotine-Klausel» alle Verträge der Bilateralen I. Dazu gehören eben auch der Abbau technischer Handelshemmnisse, die den vollständigen Zugang zum EU-Markt ermöglichen und das Forschungsabkommen, dank dem Schweizer Forscherinnen und Forscher in den europäischen Forschungsrahmenprogrammen mitforschen können. Das ist die Champions League der Forschung. Verlieren wir die Personenfreizügigkeit, verlieren wir all das.

 

Dr. René Buholzer ist Geschäftsführer von Interpharma, dem Verband der forschenden pharmazeutischen Firmen der Schweiz